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Krebspersönlichkeit

Gibt es eine Krebspersönlichkeit? Diese Frage wird in der wissenschaftlichen Literatur wie auch in vielen Schriften im Zusammenhang zwischen körperlicher und seelischer Gesundheit bei Krebs heute oft diskutiert.

Das Menschenbild

Der Frage nach dem Zusammenhang zwischen körperlicher und seelischer Gesundheit sind Gelehrte seit Jahrhunderten nachgegangen und viele westliche Forscher waren in der Tradition von Descartes der Vorstellung gefolgt, Körper und Seele seien getrennt voneinander arbeitende Systeme. Der Philosoph Descartes (1596-1650) unterschied in seinem dualistischen Menschbild, die res extensa, die äußerliche Welt, und die res cogitans, die denkende Welt. Der Körper wurde als eine Maschine betrachtet, die unabhängig von Seele und Gefühlen funktioniere (Van Peursen, 1985). Eine Trennung, die sich seitdem so tief in der menschlichen Gesellschaft verankert hat, dass wir sie gar nicht mehr wegdenken können. Eine Diskussion um eine sogenannte „Krebspersönlichkeit “ gab es zu dieser Zeit nicht.  

Im Laufe der Zeit änderte sich allmählich dieses Menschenbild. Man kann auch von einem Paradigmawechsel im 20. Jahrhundert sprechen. Dies wurde u.a. durch die Philosophen und existentielle Phänomenologen Merleau-Ponty (1908-1961) und Marcel (1883-1973) entwickelt. Der Mensch hat seinen Körper nicht, sondern er ist sein Körper. Der Mensch wird als Einheit gesehen oder als „bodymind“ (Fahrenfort, 1987). Petzold erweiterte diese Aussage. "Der Mensch ist Körper-Seele-Geist-Wesen in einem sozialen und ökologischen Umfeld", er ist ein "Leib-Subjekt in der Lebenswelt" (Petzold, 1988; Rahm e.a., 1993; Van der Mei, 1993; 1996). Dies wird auch von Von Uexküll (1996), einem der Begründer der psychosomatischen Medizin in Deutschland so gesehen. 

Auch die Sonnenberg-Klinik mit ihrer Abteilung für Psychoonkologie ist seit vielen Jahren der  Meinung, das psychische Variablen Einfluss haben auf die körperliche Gesundung und das auch körperliche Variablen wiederum Einfluss auf die psychische Stabilität einer Person haben kann. Deshalb ist das Behandlungskonzept ganzheitlich ausgerichtet.

Diese Meinung setzt sich auch immer mehr in der Krebsforschung durch. Seit vielen Jahren werden immer neue Forschungsergebnisse vorgestellt, die zeigen, dass Körper und Seele in enger Wechselwirkung stehen. Zahlreiche Studien haben beispielsweise die Verbindung zwischen zentralem Nervensystem und Immunsystem belegt. Auch der soziale Kontext (Familie etc.) hat einen großen Einfluss auf die Genesung und die Lebensqualität. Es ist nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, die Mechanismen dieser Zusammenhänge zu ergründen. 

Krebspersönlichkeit

In den Schriften im Zusammenhang zwischen Körper und Seele findet man in der Literatur oft den Begriff der „ Krebspersönlichkeit “ (Typus carcinomatosus – der Typ C genannt) (Tschuschke, 2002). Darunter fällt auch u.a. auch die Hypothese der depressiven Persönlichkeit. Es wurden viele Studien darauf verwendet um den Zusammenhang zwischen Depression und Krebserkrankung sichtbar zu machen. Viele wissenschaftliche Untersuchungen haben Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit als gleichbedeutend mit dem Vorhandensein von Depression aufgefasst.  

Dies ist in der psychoonkologischen Praxis meistens nicht so gegeben. Es ist für jeden deutlich, dass eine Krebserkrankung die oben beschriebenen Gefühle auslöst, weil die Betroffenen mit der Existentialität ihres Lebens konfrontiert werden. Dieses Gefühl ist bei einer solchen Diagnose als völlig normal zu betrachten, und hat nichts mit einer depressiven Persönlichkeit oder auch Krebspersönlichkeit zu tun. Man kann aufgrund der wissenschaftlichen Studien sagen, dass eine depressive Persönlichkeit nicht die Ursache einer Krebserkrankung ist. Es ist nach wie vor unklar, ob depressive Gefühle Einfluss haben auf die Krebserkrankung. Dies ist eine monokausale Betrachtungsweise, die andere Einflussmechanismen ausschließt. Diese Betrachtungsweise ist zu einfach.

Klar ist, dass depressives Erleben Auswirkungen auf die Lebensweise hat. Die Betroffenen ernähren sich anders, gehen unbewusst schlechter mit ihrem Körper und ihrer Gesundheit um und bewegen sich weniger. Dieses Verhalten wiederum kann auch wieder Auswirkungen auf die Krebserkrankung haben. Aber in der wissenschaftlichen Literatur und auch in der klinischen Praxis ist man der Meinung, dass die Krebserkrankung einen multifaktoriellen Entstehungsmechanismus hat. 

Fazit

Psychische Faktoren haben auf die Entstehung von Krankheit einen Einfluss, aber ein Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstruktur und der Entstehung einer Krebserkrankung ist nicht belegt.

Autor:

Drs. Sicco Henk van der Mei,
Leiter der Abteilung für Psychoonkologie, Psychologe und Psychotherapeut, Bewegungswissenschaftler (Medizin), Physiotherapeut

Literatur

  • Fahrenfort, J. (1987) Psychomotorische Therapie. Amsterdam: VU-Uitgeverij.
  • Mei, van der S.H. (1993) Crisis en Crisisinterventie. Doctoraalscriptie, Faculteit Be­weging­s­we­ten­sc­ha­p­p­en, Vrije Universiteit Amsterdam.
  • Mei, van der S.H. (1996) Een filosofische en therapeutische kijk op de psycho-motorische (groeps)therapie binnen de psychiatrische deeltijdbehandeling. Faculteit Be­we­ging­s­we­ten­sc­ha­p­p­en, Vrije Universiteit Amsterdam.
  • Petzold, H.G. (1988) Integrative Bewegungstherapie und Leibtherapie. Bd. 1/2. Pa­de­r­bo­rn: Ju­n­fer­m­a­nn.
  • Peursen, C.A. van (1985) Lichaam - Ziel - Geest. Utrecht: Bijle­veld.
  • Rahm, D. & Otte, H. & Bosse, S. & Ruhe-Hollenbach, H. (1993) Einführung in de In­te­gr­a­tie­ve Th­e­ra­pie. Paderborn: Junfermann.
  • Tschuschke (2002) Psychoonkologie. Stuttgart: Schattauer
  • Uexküll, von T. (1996) Psychosomatische Medizin. München: Urban & Schwarzenberg

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Aktualisiert: Juni 2010

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